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7. Oktober 2020

Vernissage. Fotografien von Orhan Pamuk

Vernissage. Fotografien von Orhan Pamuk- »Balkon« und »Orange«. Interkulturelle Ausstellungseröffnung des Günter-Grass-Hauses in der Reformierten Kirche zu Lübeck.

Auf das Interpretieren und Deuten des Fremden kann man wohl nicht verzichten. Aber wie kann ich erreichen, dass nicht ich ihm meine Deutungen überstülpe, sondern dass das Kulturell-Fremde sich seinerseits aussprechen und den Prozess mitgestalten kann?

Im Dezember 2012 wird der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk von Schreibblockaden geplagt. Er legt seinen Stift beiseite und greift stattdessen zur Fotokamera. Istanbul – die Stadt, die Pamuk sonst in seinen Romanen als melancholische Stadt literarisch darstellt, bildet sich nun auf seinen Fotografien ab. Pamuk stellt sich auf den Balkon seines Ateliers und lässt seine Leser*innen an dem Ausblick teilhaben. Wir sehen Schiffe, die auf dem Bosporus wippen und vom kühlen Winterdunst umgebene Minarette. Die Fotos wurden 2018 unter dem Title "Balkon" im Steidl Verlag publiziert.

Sein neustes Fotobuch „Orange“ zeigt die verschiedenen Viertel Istanbuls in der Nacht. Die Straßen der Türkei sind erhellt von warmen, orangenen Straßenlichtern. Pamuk begibt sich auf die Suche nach vergessenen Orten. Er bildet Istanbul in seiner wahren Form, fernab von Touristenattraktionen, ab. Wir sehen Straßenhunde, die Obdach unter Vordächern von Märkten suchen. Kinder, die am Straßenrand stehen und Taschentücher verkaufen. Kleine, in der Nacht erbaute „Gecekondus“ (sporadische, kleine Häuser), auf deren Wände aufmunternde Worte gesprayt sind. Istanbul ist eine Stadt, die reich an Straßenbeleuchtung ist: Diese legt einen warmen Schleier über die sonst herbe, teils gewalttätige und politisch aufgeladene Seite der Stadt. Auf seiner Suche erkennt Pamuk eine Veränderung der sozialen und politischen Strukturen. Seine Fotografien vergegenwärtigen ein Istanbul, das seine Form ändert: Grelles, aggressives Neonlicht durchbricht das warme Orange der Straßen und lässt das alte Istanbul langsam verschwinden.

„Hüzün“ – so beschreibt Pamuk in seinen Werken das Gefühl, das er mit Istanbul verbindet. „Hüzün“ bedeutet Sehnsucht. Wie die Brücke über dem Bosporus zwei Kontinente verbindet, so schaffen die Fotografien des Schriftstellers eine Brücke zwischen der Türkei und Deutschland.

„Seine Werke ermöglichen offene und vorurteilslose interkulturelle Begegnungen. Die Eigenheiten der türkischen Kultur werden kennengelernt und geben Raum für Austausch und Diskussionen auf Augenhöhe“, findet Robin Burkard, kulturpolitischer Sprecher DIE LINKE. Lübeck.

Er besucht die Vernissage zusammen mit Gonca Temurcin, Autorin für das deutsch-türkische Gesellschafts- und Kultur-Magazin „renk“. Beide lernten sich vor zwei Jahren selbst auf einer kulturellen Veranstaltung kennen.

Temurcin erkennt ihr Heimatland auf den Fotografien deutlich wieder. "Pamuks Fotografien sind sehr authentisch, auch wenn nicht besonders facettenreich. Istanbul schläft niemals, das ist sein seelischer Charakter. Straßentiere leben gemeinsam mit den Menschen ein reges Miteinander. Bis zu den Morgenstunden erhellen Cafés die geschichtsträchtige Stadt“, analysiert sie.

Doch sie kennt auch die anderen Seiten: „Wenn Frauen in der Nacht auf den Straßen sind, dann nur in Begleitung ihrer Ehemänner oder Söhne. Doch die Bilder sind zauberhaft, denn sie zeigen Istanbul ungeschönt. Istanbul, aber auch die konservativ-kulturellen Werte und Normen der in der Türkei lebenden Türk:innen“.

Auch das sei wichtig, findet Burkard: „Wir brauchen politisch eine neue Kompetenz, eine kulturelle Kompetenz, die uns befähigt, mit anderen Kulturen auf Augenhöhe umzugehen und uns gleichzeitig unserer, beständig neu zu erwerbenden Identität bewusst zu sein“, erklärt er.

„Es geht in der heutigen Gesellschaft insgesamt darum, Differenzen auszuhalten und die eigene Lebensform politisch nicht zum Maß der Dinge zu machen“, betont Burkard. Dafür möchte sich auch DIE LINKE in Lübeck engagieren und interkulturelle Lern- und Kommunikationsprozesse politisch ermöglichen und fördern.

Orhan Pamuks Fotografien werden ab dem 07. Oktober 2020 im Günther-Grass-Haus in Lübeck ausgestellt.

 

Autor:innen: Temurcin / Burkard.